Warum verwöhnte Kinder häufiger wütend werden
Viele Eltern fühlen sich hilflos, wenn ihre Kinder reizbar sind, schnell und häufig wütend werden. Oft erlebe ich bei Hausbesuchen, wie wütende Kinder ihre Eltern (und auch mich) beschimpfen, schlagen, schubsen. Der Schlüssel zur Veränderung liegt in diesem Fall nicht in der Emotion, sondern woanders.
Was löst Ärger und Wut aus?
Wut ist eine starke Form von Ärger. Wie jede Emotion hat sie Grade: Es gibt leichte Genervtheit, deutlichen Unmut, konfliktträchtigen Ärger, aggressive Wut und noch vieles dazwischen. Die Gefühle auf dem Ärger-Spektrum sind an sich etwas ganz Normales. Wir reagieren mit Ärger auf alles, was unsere Pläne durchkreuzt, was uns kränkt, was wir als ungerecht empfinden. Das muss nicht einmal die Tat eines anderen Menschen sein. Wenn das Auto nicht anspringt, obwohl wir gerade zur Arbeit fahren wollen, ärgern wir uns. Einfach, weil der Plan "Jetzt fahre ich zur Arbeit" durchkreuzt wurde. Findet sich leicht eine Alternativlösung - ein Zweitwagen, eine pünktliche S-Bahn usw. - legt sich der Ärger rasch. Müssen wir uns anstrengen und auf etwas verzichten - z.B. die Durchführung des geplanten Meetings oder den Cappuccino, den wir uns schnell noch holen wollten -, wird der Ärger größer.
Ärgern Kinder sich anders als Erwachsene?
Das ist bei Kindern im Prinzip nicht anders als bei Erwachsenen. Aber es gibt ein paar Unterschiede:
- Kinder haben weniger Verpflichtungen und empfinden daher weniger Druck. Sie müssen keinen Auftrag zum Abschluss bringen, von dem die Karriere und das Einkommen der Familie abhängt. Ihr Ärger rührt seltener als bei Erwachsenen daher, dass sie daran gehindert wurden, ihre Pflicht zu tun und ihre Verantwortung zu erfüllen. Bei Kindern steht im Vordergrund, dass sie etwas nicht bekommen, was sie wollten.
- Kinder haben weniger Hemmungen, wütend zu werden - erst recht, wenn man ihnen vermittelt hat, Kinder dürften schreien und andere beschimpfen. Sie haben wenige Selbstbeherrschung, weil sie sich nur in sehr geringem Maße selbst erziehen können. Könnten sie das vollumfänglich, wären sie ja schon erwachsen.
Insgesamt werden Kinder also bei geringeren Anlässen wütend, und das auf potentiell heftigere Weise als Erwachsene.

Damit alleine ist schone eine wichtige Erziehungsaufgabe gegeben: Zu lernen, dass man Wut beschreiben kann, statt sie auszuleben. Es ist für alle Kinder wichtig, den Satz "Ich ärgere mich, weil..." ruhig sagen zu lernen und dann mit einem Erwachsenen zu klären, ob das Ausmaß des Ärgers angemessen ist oder nicht.
Warum werden manche Kinder so leicht und heftig wütend?
Aber was ist mit Kindern, die andauernd wütend werden? Zum Beispiel dann, wenn der Fernseher wie angekündigt nach 30 Minuten ausgeschaltet wird? Wenn man ihnen etwas nicht kauft, was sie haben wollen? Wenn sie Gemüse essen sollen? Oder wenn man sie auf einen Fehler bei den Hausaufgaben hinweist?
Bei diesen Kindern ist der zentrale Mechanismus des Ärgers völlig aus dem Lot geraten: Ganz normale Anforderungen werden als unangenehmes Durchkreuzen von Plänen empfunden, und darauf wird mit heftigem Ärger und Wut reagiert. Ihr Ärger-Mechanismus reagiert wie eine Waage, die nicht mehr richtig geeicht ist: Es fällt nur ein Blatt Papier darauf, aber sie zeigt gleich 20kg an. Woher kommt das? Und was tut man nun?
Ursache ist in diesem Fall nicht die Wut selbst, sondern ein unangemessener Geltungs- bzw. Selbstbehauptungstrieb. Dieser Antrieb ist bis zu einem gewissen Grad wichtig, um selbstbewusst und frei leben zu können. Kinder müssen den Selbstbehauptungsdrang in gewissem Maße ausleben können, um für sich einzutreten, z.B. um der Lehrkraft zu sagen "Frau Schneider, Sie haben mir für diesen Fehler zwei Punkte abgezogen, aber der Marie gar keinen, das ist nicht fair. Bitte korrigieren Sie das." Wenn ein Kind jedoch nie Grenzen für seine Selbstbehauptung erlebt, glaubt es, dass es auf alles ein Recht hätte, wonach ihm gerade der Sinn steht. Eine irrige Pädagogik, die behauptet, jeder Antrieb sein ein Bedürfnis, das man befriedigen muss, verstärkt dieses Problem. Kinder müssen erleben, dass ihr Selbstbehauptungstrieb moralischen Grenzen unterworfen ist: Man schweigt, wenn andere reden; man grüßt Fremde, auch wenn man keine Lust darauf hat; man isst, was jemand liebevoll für einen gekocht hat, auch wenn man es nicht besonders gern mag; man zerrt nicht an Erwachsenen, sondern wartet, bis sie Zeit für einen haben.
Wie verursachen Eltern, dass aus gesunder Selbstbehauptung ein egozentrischer Geltungsdrang wird?
Eltern, die in all solchen Fällen auf die zwischenmenschlich respektvolle Lösung verzichten und dem Wunsch ihrer Kinder den Vorrang geben, machen aus gesundem Selbstbehauptungsdrang einen ungesunden Geltungsdrang. Sie erzeugen beim Kind ein Selbstbild, das in der Überzeugung gipfelt: "Ich bin der Nabel der Welt. Wenn ich keine Lust auf etwas habe, dann muss ich das auch nicht machen. Und was ich haben möchte, steht mir in jedem Fall zu."
Ein Kind, das so denkt, betrachtet ganz alltägliche Erfordernisse nicht als normale Formen der Rücksichtnahme und akzeptiert keine Regeln, sondern fühlt sich jedesmal in seinem Ego gekränkt, ungerecht behandelt. Deshalb schreien jüngere Kinder so häufig "Das ist ungerecht!", selbst wenn ihnen gar kein Unrecht geschieht. Jede Regel, die es zu beachten gibt, wird als Störung der eigenen Pläne aufgefasst - und löst Wut aus. Immer, wenn ein solches Kind seine Antriebe nicht befriedigen kann, ärgert es sich. Je mehr ein Kind sich daran gewöhnt, dass jeder Wunsch ein Bedürfnis sei, desto häufiger wird es wütend, wenn es etwas tun muss, worauf es gerade keine Lust oder oder wenn es etwas nicht tun darf, worauf es Lust hat. Sein "Innerer Wolpertinger" wird immer fordernder.

Ähnlich wirkt es, wenn Eltern jeden Verzicht, jede Unlust ausgleichen. Es ist schön, wenn wir den Luxus eines Zweitwagens haben, mit dem wir in das dringende Meeting fahren können. Aber das ist ein Luxus. Es gehört zum Leben dazu, dass es nicht immer eine einfache Alternative gibt, durch die sich unsere Frustration in Luft auflöst. Wir müssen Probleme meistens lösen und eine gewisse Frustration aushalten. Je reicher Eltern sind, desto leichter können sich aber solche Alternativen kaufen: Bus verpasst, weil man getrödelt hat? Dann nehmen wir eben ein Taxi. Pulli zerrissen, weil man nicht aufgepasst hat? Dann kaufen wir eben einen neuen. Aber auch, wer wenig Geld hat, versucht bisweilen, seinem Kind alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen und ihm für jedes Warten und jeden Verzicht einen Ausgleich zu bieten - zum Beispiel, indem jede langweilige Wartezeit mit dem Smartphone überbrückt wird. Jedes Mal, wenn das passiert, verpasst das Kind eine Gelegenheit, am Warten oder Verzichten zu reifen. Jedes Mal, wo wir ein Kind von seiner Unlust ablenken, statt ihm helfen, sie auszuhalten, verpassen wir die Chance auf mehr Resilienz. Nicht, dass wir bei einem gebrochenen Arm nicht ins Krankenhaus fahren sollten (vielleicht trotzdem mit dem Auto statt dem Krankenwagen...). Aber wer auf jeden Kratzer Rescue-Salbe schmiert, nimmt Kindern die Fähigkeit, etwas auszuhalten und fördert ein Anspruchsdenken, das später an den Klippen des Alltags zwangsläufig zerschellen muss.
Und deshalb sind verwöhnte Kinder häufig wütende Kinder (bis auf die Momente, wo sie weinerlich und überfordert sind, weil die Verwöhnung sie zugleich hilflos und haltlos macht).
"Verwöhnt" ist kein Schimpfwort, sondern eine Erziehungsbaustelle
"Verwöhnt" ist kein Schimpfwort, sondern bedeutet einfach das Gegenteil von "gute Gewohnheiten habend". Gute Gewohnheiten sind Routinen, mit denen wir Antrieben ein gesundes Maß und einen vernünftigen Rhythmus für ihre Befriedigung auferlegen. Gute Gewohnheiten setzen unserem Egoismus Grenzen und helfen uns, uns von unserem "Inneren Wolpertinger", unseren Antrieben, nicht beherrschen zu lassen, sondern stattdessen Selbstbeherrschung zu entwickeln. Dazu gehört andere ausreden zu lassen, bei Tisch sitzen zu bleiben und in Ruhe zu essen, anderen Menschen in die Augen zu sehen und sie mit Namen zu grüßen, die Jacke aufzuhängen, im Kino leise zu sein, Verschüttetes aufzuwischen, im Treppenhaus nicht zu schreien, "bitte" und "danke" zu sagen und vieles mehr. Wer "ver-wöhnt" ist statt "ge-wöhnt", weicht von diesem vernünftigen Mittelweg zwischen den eigenen Wünschen und den Rechten anderer ab.
Fehldiagnose "Autismusspektrum" bei Egozentrik
Übrigens: Heutzutage wird diese erziehungsbedingte Egozentrik sehr oft fälschlich als Autismusspektrumsstörung aufgefasst. Egozentrische Kinder wirken, als könnten sie Situationen nicht verstehen, wären mit äußeren Einflüssen überfordert und hätten Schwierigkeiten, die Emotionen anderer zu lesen. Bei der ausführlichen Diagnostik in sozialen Situationen, z.B. im Hausbesuch oder der KiTa, zeigt sich jedoch meist: Sie können Emotionen des Gegenübers sehr wohl lesen - aber die sind ihnen egal. Sie sind nicht mit Reizen überflutet, sondern können sich Anforderungen nicht unterordnen. Sie haben keine Probleme, Situationen zu lesen, sondern es ist ihnen völlig fremd, dass gewisse soziale und ethische Spielregeln auch für sie gelten sollen.
Was können Eltern tun?
Wer daher möchte, dass sein Kind seltener wütend wird, sollte nicht gegen den Fehler arbeiten, sondern für das Fehlende.
Zunächst einmal müssen wir das Kind beobachten: Wie oft geschieht ihm objektiv wirklich Unrecht? Wie oft werden, nüchtern betrachtet, völlig vernünftige und sachlich notwendige Pläne des Kindes durchkreuzt? Und wie oft wird das Kind lediglich deshalb wütend, weil es nicht nach ihm geht?
In den ersten beiden Fällen muss der Erwachsene dem Kind beibringen, ruhig und höflich zu äußern, worüber es sich ärgert. Und im dritten Fall muss der Erwachsene dem Geltungsdrang Grenzen setzen, auf Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen und der moralischen Regel bestehen. Hier muss das Kind lernen "Was du willst ist nicht wichtiger als alles andere." Erst, wenn ein Kind hunderte Male geschafft hat, das gleichmütig und freundlich zu akzeptieren, werden auch seine Wutanfälle deutlich weniger werden. Dafür genügen ganz kurze Momente: "Warte kurz, ich muss erst noch..."; "Schweige jetzt, bis ich ausgeredet habe.", "Teile den letzten Pfannkuchen mit deinem Bruder", "Wir gehen zurück und waschen dir die Hände, so kannst du nicht essen"... Nicht lange erklären, einfach mit sanftmütiger Härte dafür sorgen, dass das Notwendige passiert. Nicht verhandeln, nicht meckern, einfach tun. Nur so zähmt man den inneren Wolpertinger - und nur dann kann er ein hilfreicher Kumpel werden statt der Tyrann des Kindes.