Schlecht im Aufsatz - Warum das oft am Lesen liegt

Schlecht im Aufsatz - Warum das oft am Lesen liegt

Eine Mutter fragte mich, warum ihr Sohn so schlecht im Aufsatz-Schreiben sei. In der 4. Klasse hängt schließlich viel davon ab. Ich bat sie, mir nicht nur den letzten Aufsatz zu schicken, sondern auch ein Video davon, wie der Bub 5 Minuten lang liest. Im Video lag der Schlüssel. Sie wollen wissen, warum? Hier ist die ausführliche Erklärung.

Wer nicht flüssig lesen kann, ist in vielerlei Hinsicht überlastet, wenn er einen Text schreiben soll. "Flüssig" lesen heißt: mindestens so schnell lesen können, wie man spontan spricht. Das sind im Deutschen etwa 150 Wörter pro Minute. Wer das nicht kann, muss seine gesamten Kapazitäten für die Sprachverarbeitung verwenden, um einfach nur den Text zu lesen und mitzudenken, den er gerade schreibt. Er hat nichts übrig, um sich kreative Formulierungen einfallen zu lassen oder auf die Rechtschreibung zu achten. Dafür hat ein langsamer Leser quasi "den Kopf nicht frei". Das sieht man sehr gut auf diesem Gehirn-Scan aus dem MRT (Quelle: Jansen, Streit - IntraAct)

Links ist der langsame Leser komplett ausgelastet (farbige Flächen), um einen Text vorzulesen. Recht sieht man die selbe Person, nachdem sie viel geübt hat und nun flüssig lesen kann. Sie hat nun eine Menge Ressourcen im Gehirn übrig, die Sprache verarbeiten können. Die kann sie z.B. für vielfältige Ausdrucksweisen, einen Spannungsbogen und eine fehlerlose Rechtschreibung verwenden. 

Der Bub, der langsam liest, hat genau dieses Problem. Sein Video zeigt mir, wo wir ansetzen müssen:

1. Das Lesetempo

Der Bub  liest im Durchschnitt nur 86 Wörter pro Minute. Als Viertklässler im Januar der 4. Klasse sollte er aber 130 - 140 Wörter lesen. Seine schlechteste Minute waren 71 Wörter, seine beste 100. Er liest also manchmal sogar nur halb so schnell, wie er sollte. Das erklärt, dass er das Lesen auch selbst als unangenehm und anstrengend empfindet. 

Er muss also dringend schneller lesen. Ich empfehle ihm dazu das Training mit der bewährten Lese-Kartei und der Lese-Rakete. Damit kann er sportlich verfolgen, wieviel Fortschritte er macht. Als fußballbegeisterter Junge versteht er gut, dass es ohne Training keine Leistung gibt.

2. Der Wortschatz

In seinem Aufsatz zeigt er einen recht beschränkten Wortschatz. Auch das liegt daran, dass er zu wenig liest. Denn je mehr jemand liest, desto geläufiger sind ihm elegantere, seltenere Formulierungen, und desto größer ist der Wortschatz. Studien konnten zeigen, dass schwache Leser pro Jahr nur ca. 10.000 Wörter sehen, während Kinder, die flott lesen, deshalb auch besonders gerne lesen und somit mehr - sie sehen dadurch bis zu 1,3 Millionen Wörter pro Jahr. Das zeigt sich dann natürlich auch beim Aufsatzschreiben: Wer wenig liest, dem stehen nicht viele kreative Ausdrücke zur Verfügung. 

Ich notiere mir, bei welchen Stellen das Vorlesen stockt, und stelle fest, dass es mehrere Gruppen von Wörtern gibt, die ihm Schwierigkeiten bereiten:

a) Seltene Wörter und Fremdwörter

Er hängt bei folgenden Wörtern: Moskitos, Malaria, zugeprostet, der Rachen, Dickicht, Pflanzenfresser

Auch englische Wörter kann er nicht richtig aussprechen und verstehen:  Lions' Lodge, Cabins, Lion Park

b) Mehrteilige Verben:

er hat getan als ob; sie hat Aufsicht über etwas geführt; wie Sie sich verhalten müssen; auf jemanden losgehen; schlechte Laune an jemandem auslassen; jemandes Weg kreuzen, jemandem zuvorkommen

c) ungewohnte Verbformen oder Fälle

Seien Sie unbesorgt (Imperativ), er glaubt, sie wollten (Konjunktiv), in deren Flamme (Genitiv)

Wie hängt das mit dem Aufsatz zusammen?

Der Bub kennt also a) viele Wörter gar nicht und laut b) und c) sind ihm viele gewähltere Ausdrucksformen nicht geläufig. Er kann sie nicht flüssig lesen, weil er nicht vorhersehen kann, wie diese Wortstruktur im Satz funktioniert. Noch viel weniger kann er solche Konstruktionen aktiv anwenden, also im eigenen Aufsatz.

Der Aufsatz, der mir vorliegt, ist eine Reizwortgeschichte. Die Lehrerin hat bemängelt, dass sie sehr kurz ist (nur etwas mehr als eine halbe Seite). Neben ein paar weniger schlimmen Rechtschreibfehlern hat sie in der Hälfte des Textes die Satzstellung angestrichen. Gleich der erste Satz ist ein hervorragendes Beispiel für den Zusammenhang, um den es hier geht. Der Bub wollte schreiben: "Seine Mutter bat ihn, sich auf den Heimweg zu machen." Aber das gelingt ihm nicht richtig, eben weil er damit überlastet ist, den Satzbau zu formulieren, zu schreiben und zu lesen, was er schreibt. 

Sein erster Satz heißt:

Aus "bat" wird "bad", aus "ihn" wird "in", das "sich" fehlt. Hier sieht man sehr gut, was ich oben meinte. Der Junge versucht, einen komplexen Ausdruck zu verwenden, aber weil der ihm nicht geläufig ist, schafft er es nicht. Aus Überlastung wird dann auch die Rechtschreibung falsch.

Ebenso geht es im Rest des Aufsatzes weiter. Er kann jeden Satz nur Stückchen für Stückchen planen und aufschreiben, ihn nicht zu Ende denken. Man merkt deutlich, wie die Formulierungen aneinander gestückelt sind, da die Planung des ganzen Satzes nicht gelingt. Aus Überlastung passieren zusätzlich Rechtschreibfehler.

Es hat wenig Sinn, dieses Kind nun täglich einen Aufsatz schreiben zu lassen, um zu üben. Ich würde woanders ansetzen. Mein Rat an die Mutter: 

1) Deutlich mehr lesen, 30 Minuten täglich (leise, nicht laut). Jeden Tag sollte die Mama oder der Papa 1-2 Seiten der Lektüre querlesen und solche Ausdrücke wie oben suchen, die der Sohn dann erklären soll und mündlich konjugieren oder in neuen Sätzen verwenden. Beispiel: "schlechte Laune an ihr auslassen" - er soll draus machen: "Ich lasse meine schlechte Laune an Opa aus", "Du lässt deine schlechte Laune an Anna aus", usw. (1.-3. Person Einzahl und Mehrzahl), und: "Man sollte seine schlechte Laune nicht an anderen auslassen" usw.

2) Im Alltag mehr über Sprache sprechen. Fordern Sie ihn auf "Sag das nochmal mit anderen Worten!", oder "Kannst du mir erklären, was das und das heißt?".

3) Gemeinsam das Spiel "Tabu" spielen. Das ist ein super Training.

4) Der Junge arbeitet gerne handwerklich. Lassen Sie ihn üben, Anleitungen zu schreiben. Das gefällt ihm vielleicht besser als Aufsätze. Er soll z.B. für ein Stadtkind, das das noch nie gemacht hat, aufschreiben, wie man Brennholz richtig stapelt oder den Rasen mäht....

Solange der Bub nicht flüssig lesen kann, wird es frustrierend für ihn bleiben, Aufsätze zu schreiben. Das Lesen ist der größte Hebel, den wir auf das Problem haben.

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