Abschied von der Schreibschrift: Dilletantismus ist nicht kinderfreundlich!

Abschied von der Schreibschrift: Dilletantismus ist nicht kinderfreundlich!

Neue Besen kehren gut - aber die alten wissen, wo der Dreck sitzt. Den zweiten Teil dieser alten Lehrerweisheit lässt das bayerische Kultusministerium im neuen Schuljahr außer Acht, indem es mit der Abkehr von der Schreibschrift liebäugelt.

Zu beeindruckt ist man davon, dass eine Doktorandin der Universität Eichstätt digitale Hilfsmittel verwendet hat, um den Bewegungsablauf von Kindern beim Schreiben sichtbar zu machen. Ja, es war eine kluge Idee von Eva Odersky, die Kinder auf Papier schreiben zu lassen, unter dem ein Tablet lag, um so ihre „unsichtbaren“ Bewegungsabläufe sichtbar zu machen. Sie konnte so zeigen, dass langsame Schreiber sich nicht entscheiden können, ob sie die Buchstaben in Druck- oder Schreibschrift abbilden sollen. Diese Kinder verlieren eine Menge Zeit, während sie zunächst eine Druckschrift-Bewegung in der Luft machen, ehe sie dann den Buchstaben in Schreibschrift aufs Blatt notieren. Soweit, so interessant.

In der Klasse über selbst erfundene Schrift diskutieren statt einfach schreiben zu lernen

Doch die Schlussfolgerung, dass nun tausende bayerische Schüler für den vierjährigen Modellversuch „FlowBY“ keine Schreibschrift mehr lernen sollen, ist mehr als fragwürdig. Weder ist der Umfang des Projekts notwendig zum hinreichenden Erkenntnisgewinn, noch setzt es an der plausibelsten Stelle der Problematik an. Odersky stellte fest, dass Kinder, die Schreibschrift schreiben, im Durchschnitt 22 Sekunden für fünf Wörter brauchen und Kinder, die eine selbst erfundene Mischung aus Druck- und Schreibschrift schreiben, 18 Sekunden. Wegen dieser vier Sekunden Unterschied - die sich bei einem längeren Text natürlich summieren - fordert sie nun, man solle es den Kindern überlassen, sich ihre eigene Schrift zu bauen. „Das geht gut über eine regelmäßige Schreibkonferenz in der Klasse: Alle schreiben das gleiche Wort und man schaut gemeinsam, wer welche Buchstaben wie geschrieben hat. So kann jedes Kind sich entscheiden, etwas zu übernehmen oder bei seiner Art zu bleiben.“  Das klingt nach Pippi Langstrumpfs selbst erfundenem Einmaleins und entspricht der ideologischen Mode, die mangelnde Erfahrung und Urteilsfähigkeit von Kindern auszublenden. Was ein Kind sich ausgedacht habe - egal wie unsachgemäß es ist -, sei durch den Ursprung im eigenen Ego immer wertvoller als Strukturen, die erfahrenere Menschen vorgeben. Hauptsache, der Besen ist neu.

Einer der „alten Besen“, die wissen, wo der Dreck sitzt, ist Renate Tost, ihres Zeichens Graphikerin und Expertin für Handschrift. Sie hat in den 1960er Jahren die „Schulausgangsschrift“ (SAS) entwickelt - nach Meinung vieler Fachleute die ergonomischste und ästhetischste Schreibschrift, die es in Deutschland gibt. Tost arbeitete dazu in engem Austausch mit Versuchsklassen und Lehrkräften. Ab 1968 wurde die SAS in der ehemaligen DDR für alle Schüler verpflichtend; die ihr verwandte Lateinische Ausgangsschrift (LAS) wurde zur gleichen Zeit in NRW zum Standard. Heute sind beide Schriften in zehn Bundesländern präsent. 

Wir haben wunderbare Schreibschriften zur Verfügung, aber nutzen sie falsch

Das besondere an Tosts Arbeit war, dass sie Ergonomie, Ästhetik und Orthographie zugleich berücksichtigte. Sie schulte Lehrkräfte sogar darin, ihr Diktattempo nicht der Länge von Wörtern, sondern der Dauer des Bewegungsablaufs pro Buchstabe anzupassen. Tost gehört zu den ganz wenigen Fachleuten in Deutschland, die sich wirklich gründlich mit dem Thema Handschrift auskennen. Deshalb ist für sie weder die Beobachtung neu, dass Kinder nach der Umstellung auf Schreibschrift zunächst langsamer sind, noch der Glaube, man könne Handschrift-Probleme lösen, indem man die Kinder eine neue Schriftart erfinden lässt. Das wurde schoneinmal versucht, nämlich durch die Einführung der sogenannten „Grundschrift“. Was Tost dazu sagte, passt auch auf das aktuelle Projekt „FlowBY“: Es ist „ein untauglicher Versuch, die Probleme zu lösen, die sich in den zurückliegenden Jahrzehnten auf dem Gebiet des herkömmlichen Schreibunterrichts angestaut haben. […] Eine durchgestaltete Vorlage für Schüler wird […] als Hindernis für die persönliche Entfaltung abgelehnt. Doch nicht nur hier äußert sich falsch verstandene Kreativität. Hinzu kommt, daß korrekte Verbindungen zwischen den Buchstaben nicht mehr als VOR-Bild angeboten werden, sondern der Beliebigkeit überlassen bleiben. Die Erfahrungen von Generationen, die sich im flüssigen Schreiben und im Buchstabenverbinden auskannten, werden unterschlagen: Der Schüler soll statt dessen nach eigenem Gutdünken Verbindungen selbst erfinden.“ (Tost 2012)

Dass Kinder in Schreibschrift zunächst langsamer werden, ist normal. Mit genug Übung werden sie dafür später umso schneller.

Wenn nicht Typographie- und Didaktik-Experten, sondern Kinder die Buchstaben und ihre Verbindungen „erfinden“, fehlt es dem Ergebnis an Flüssigkeit im Bewegungsablauf. Das höhere Tempo bei einer teilverbundenen Mischform, wie Odersky es beobachtet hat, vergleicht Tost mit schnellem Hüpfen statt zügigem, fließendem Laufen. Sie sagt: „Verbindungen müssen von Anfang an sorgfältig eingeübt, automatisiert und im Bewegungsgedächtnis gespeichert werden. Nur so können diese automatisch abgerufen werden, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit auf Orthographie und Textproduktion zu lenken.“ (ebd.) Aus lernpsychologischer Sicht ist diese seit Jahren schwindende Automatisierung des Schreibflusses ein wesentlicher Faktor für die immer häufigere Diagnose „Legasthenie“: Wer kognitiv damit ausgelastet ist, sich auf die Motorik zu konzentrieren, hat nicht den Kopf frei, um Rechtschreibregeln zu beachten.

Auch Maria Anna Schulze-Brüning, Fachfrau für Fehlentwicklungen in der Handschrift, kennt das von Odersky beobachtete Zögern der Kinder schon lange. Für sie besteht das Problem darin, dass Kinder überhaupt erst die Druckschrift lernen und dann nach zwei Jahren auf Schreibschrift umstellen sollen. „Falsche Linienführungen der Druckbuchstaben werden in die Schreibschrift übertragen und erschweren oder deformieren dort die Verbindung der Buchstaben. … Eine koordinierte, gleichmäßige Schrift kann nicht entstehen, wenn jeder Buchstabe einen anderen Startpunkt und einen anderen Zielpunkt hat.“ 

Andere Länder sind viel vernünftiger und das tut den Kindern dort gut

Gute Schreibschriften wie die SAS und LAS oder die französische Schreibschrift sind so konstruiert, dass sie einen flüssigen Bewegungsablauf ermöglichen. (Im Gegensatz zur viel kritisierten „Vereinfachten Ausgangsschrift“ VA, die seit Jahren in Bayern für zusätzliche Probleme sorgt.) Die Druckschrift wurde, wie ihr Name sagt, für gedruckte Lesematerialien erfunden und nicht zum Schreiben mit der Hand. Sie erfüllt ganz andere Kriterien. In den französischsprachigen Ländern ist das allgemein anerkanntes Wissen. In Kanada gab es kurze Versuche, Kindern zunächst Druckschrift beizubringen, aber man ist rasch wieder davon abgekommen. Heute ist in frankophonen Gebieten Konsens, dass Kinder schon in der Vorschule alle Buchstaben in Schreibschrift lernen. Die Druckschrift ist fürs Lesen da. Für das Schreiben wird sie nicht eingeführt, weil das die Kinder unnötig kognitiv überlastet und sie verwirrt. Insbesondere hat man hier das Problem erkannt, dass die spiegelverkehrten Druckbuchstaben b, d und p unnötige Rechtschreibprobleme erzeugen, während sie in der Schreibschrift sehr schön voneinander unterscheidbar sind. In Deutschland liest man nach wie vor die falsche Behauptung, die Verwechslung von b, d und p sein ein „typischer Legasthenikerfehler“ - einer, der besonders häufig auftaucht, seit Kinder keine Schreibschrift mehr routiniert beherrschen. Die fehlende Routine innerhalb eines festen Schreibsystems verschlechtert nebenbei auch die Arbeitshaltung und senkt die Leistungsbereitschaft, denn so verschwindet die „Disziplin, die jeder Aktivität … innewohnt, wenn sie ein gewisses Niveau der Vollkommenheit erreicht hat.“ (Aebli 1976, S. 51).

Die beste Lösung ist daher, die hervorragenden Schreibschriften SAS oder LAS ab dem ersten Schultag zu nutzen. Dies beseitigt das ganze Problem und gibt den Kindern Zeit, genug Routine zu entwickeln. Es gibt keinen Grund, ihre Zeit mit „Schreibkonferenzen“ zu verschwenden, nur um einen falsch verstandenen Individualismus zu fördern. In Hessen wird mit Erfolg ab der ersten Klasse Schreibschrift gelehrt. Engagierte Schulen in anderen Ländern stellen auf eigene Faust den Lernverlauf um. Gemeinsam mit zwei Lehrkräften habe ich den Lehrgang „Stück für Stück“ entwickelt, der einen Schreibschrift- und Rechtschreiblehrgang in LAS enthält und ab dem ersten Schultag auf Schreibschrift zum Schreiben setzt, während die Lese-Fibel in Druckschrift gehalten ist. Sie verzichtet als erste Fibel in Deutschland auf das hochproblematische Silbenkonzept (einen weiteren „neuen Besen“, der mehr Probleme löst als er schafft) und geht stattdessen sprachwissenschaftlich korrekt vor.

Die richtige Lösung ist es, ab Tag 1 nicht Druckschrift, sondern Schreibschrift zu unterrichten

Dass wir ein Problem mit der Handschrift haben, ist unbestreitbar. Doch es liegt nicht an der Schriftform. Frankophone Länder benötigen nicht Dutzende Lineaturen, sondern nutzen für alle Jahrgänge die Seyès-Lineatur, und verwenden ab Tag eins die gleiche ergonomische Schreibschrift. Laut Umfragen sind die Kinder dort entspannter beim Schreiben und haben weniger Angst, hässlich zu schreiben, als in Deutschland. Hierzulande verschwendet man jedoch Zeit und Geld auf unnötig komplizierte, verwirrende Ansätze. Solange Lehrkräfte primär Arbeitsblätter austeilen, in denen Schüler nur Lücken ausfüllen, anstatt Hefteinträge anzufertigen; solange Kindergärten nicht einmal mehr die richtig Stifthaltung lehren, weil sie keine „Zulieferbetriebe der Schulen“ sein wollen; solange vorgegebene Schriftformen als „strukturelle Gewalt“ gelten und nicht als Entwicklungstreppe, auf deren Basis Kinder in der Pubertät dann ihre eigene Handschrift entwickeln; solange Übung und Leistungssteigerung pro Zeit als altmodisch verachtet wird - solange wird sich auch bei der Handschrift nichts ändern.

Schöne Hefte machen Kindern Freude. Das fehlt heute.

Das ist mehr als bedauerlich, da schön gestaltete Hefte einen wesentlichen emotionalen Beitrag zur Lernfreude leisten. Handschrift ist auch eine ästhetische Form graphischer Gestaltung. Vergleichen Sie die Freude, die ein Erstklässler in den 60er Jahren nach nur drei Monaten Schule über diesen Hefteintrag empfinden konnte, mit der Emotion, die das aktuelle Beispiel hervorruft:  

Das Beispiel zeigt übrigens die gelungene Druckschrift eines bayerischen Erstklässlers von 1962. Damals schrieben Erstklässler etwa neun mal so viel wie heute. Deshalb konnte man ihnen sogar zumuten, beide Schriften zu lernen. Doch von diesem Ausmaß an Geläufigkeit sind wir inzwischen weit entfernt.

Aus vermeintlicher Kinderfreundlichkeit die fachliche Verantwortung auf Kinder abzuwälzen, zeugt von Sentimentalität und Dilletantismus, nicht von Respekt für unsere Schüler und ihre Zeit. Wir schulden es Kindern, jede Unterrichtsstunde so effizient wie möglich zu gestalten, denn sie haben ein Recht auf Wissen, Routine und Ästhetik. Schule, die das dauerhaft nicht leistet, verkommt zur reinen Kinderverwahranstalt.

 

Literatur

Aebli, Hans: Psychologische Didaktik. Didaktische Auswertung der Psychologie von Jean Piaget, Stuttgart: Klett, 6. Auflage 1976

Katholische Universität Eichstätt: Braucht es die Schreibschrift noch? – Modellprojekt zum einphasigen Schrifterwerb

Tost, Renate: „Dilettantisches Herumbasteln an der Schrift“; Deutsche Sprachwelt_Ausgabe 49_Herbst 2012; Seite 3

Schulze Brüning, Maria-Anna: Wie können Eltern den Schrifterwerbsprozess ihres Kindes begleiten?

 

Dieser Artikel von mir ist am 25.9.2025 im Cicero-Magazin erschienen.

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