Schule ist kaputtgespielt
Deutsche Kinder sind so schlecht in PISA wie noch nie. Bildungsministerin Prien beklagt nun schlechte Vorschulbildung, große Heterogenität, mangelnden Leistungswillen und fehlendes Verantwortungsbewusstsein der Lehrer. Das stimmt, aber das alles hat eine gemeinsame Ursache: Seit Jahrzehnten gilt in Deutschland nur das Spiel, nicht die Arbeit als kindgemäße Beschäftigung. Die TOP 20 in PISA lassen Kinder schon im Vorschulalter von morgens bis nachmittags an etwas arbeiten - in Deutschland ist das verpönt. Hier gilt: Macht, worauf ihr Lust habt - wenn Eltern wollen, dass ihr Kind etwas lernt, sollen sie sich am Spätnachmittag selbst darum kümmern. Und wer das nicht will, lässt es eben bleiben.
Ich habe Zweifel, wenn Karin Prien behaupt: „Wir wissen genau, was nun zu tun ist!“. Wenn das stimmt, dann weiß sie auch, dass sie keine Chance hat. Denn was Frau Prien fordert, ist so berechtigt wie wahnwitzig. Sie verlangt: bessere Vorschulbildung, weniger Heterogenität, mehr Leistungsorientierung in Kernkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen) und mehr Verantwortung der Grundschulen. Sie hat mit alledem Recht - aber ich bezweifle, dass ihr Folgendes klar ist: Nichtvorhandene Vorschulbildung, extreme Heterogenität, Leistungsfeindlichkeit, Vernachlässigung der Kernkompetenzen und pädagogische Verantwortungslosigkeit sind in Deutschland keine zufälligen Fehlentwicklungen, sondern Ergebnis einer Zerstörung der bildungsbürgerlichen Infrastruktur durch die Jünger von Rousseau und Marcuse.
Wenn Prien weiß, was sie da sagt, braucht sie eine Armee von Meisterlehrern, um den Rollback zu schaffen. Woher soll die kommen, wenn z.B. im Bildungsplan Brandenburg explizit gelobt wird, dass Kinder Erzieherinnen aus dem Job mobben, die ein Minimum an Anstrengung von ihnen verlangen? Sehen wir uns vier Forderungen von Prien genauer an:
1. Bessere KiTa-Bildung - Wie denn, wenn Wissensvermittlung „Gewalt“ ist?
Prien fordert: „bessere KiTa-Bildung, bessere KiTa-Qualität und mehr Konzentration auf basale Kompetenzen: Lesen, Schreiben, Rechnen“. Ja, absolut! Genau das mache ich seit 17 Jahren in Kindergärten mit dem Programm „Zwergenschule“, das es jetzt auch als Videoreihe für Daheim gibt. Aber genau deshalb weiß ich: Das wird so bald nicht passieren. Jede Woche muss ich mich vor irgendeiner Erzieherin dafür rechtfertigen, mit Kindern anhand kleiner Muster die Stifthaltung zu üben oder mit Kindern sechs Buchstaben in einem Jahr zu lernen - während die Vorschulkinder in Frankreich oder England am ersten Schultag das gesamte Alphabet beherrschen und Spaß daran haben. In deutschen KiTas findet praktisch keine gezielte Wissensvermittlung mehr statt. Die Kinder sollen sich den ganzen Tag selbst aussuchen, worauf sie Lust haben. Und weil man mit vier, fünf, sechs Jahren nicht weiß, was die Welt alles bereit hält, kommt so kein Kind über seinen Tellerrand hinaus. Die Erzieherinnen sind nur noch Randfiguren, wortwörtlich: Sie stehen am Rand des Gartens oder Zimmers, erdulden den Lärm und greifen nur ein, wenn es körperlich gefährlich wird. Die sprachliche Interaktion pro Kind beschränkt sich auf wenige Minuten pro Tag, und selbst dann ist Korrektur im Sinne von „Sag es nochmal richtig, sprich mir nach!“ unerwünscht. Selbst wenn wir wollten - wir hätten kaum noch Erzieher, die überhaupt Erfahrung damit haben, systematisch Wissen zu vermitteln. Mit großem Tamtam werden die Kinder, die am schlechtesten Deutsch können, in sogenannte „Vorkurse“ mit wenigen Wochenstunden gesteckt - aber über dreißig Betreuungsstunden pro Woche verpuffen als Lerngelegenheit, eben weil gezieltes Lernen gar nicht gewollt ist. Wozu leisten wir uns Erzieher mit akademisierter Ausbildung und einem sehr teuren Betreuungsschlüssel, wenn wir ihnen zugleich eintrichtern, sie dürften Kindern nichts ungefragt beibringen?
2. Weniger Bildungsschere und Heterogenität - wie denn, wenn „Selbstbildung“ als Dogma herrscht?
Karin Prien beklagt als Ursache u.a. „Migration und die Heterogenität der Schülerschaft und keine adäquate Reaktion darauf“. Auch damit hat sie Recht. Aber was sie als problematische „Heterogenität“ bezeichnet, nennt ihr eigenes Ministerium „bunt und inklusiv“. Wer Heterogenität abbauen möchte, muss homogenere Lerngruppen anstreben - man kann nicht beides haben. Förderschulen, Deutsch-Klassen, Begabtenklassen, überhaupt ein dreigliedriges Schulsystem dienen genau diesem Zweck - aber sie sind nicht gewollt. Man überlässt es der AfD, auf sie zu pochen, und raubt ihnen so die Salonfähigkeit.
Die Verweigerung von Instruktion im Namen der „Selbstbildung“ führt momentan dazu, dass jedes Kindergartenkind sich so gut oder schlecht bildet, wie seine Voraussetzungen es zulassen. Wer einen kleinen Wortschatz hat, vielleicht primär Gesten verwendet und keinen richtigen deutschen Satz sagen kann, lernt durch das Spiel mit anderen Vierjährigen, die oft selbst nur mit Mühe richtig sprechen, kaum etwas dazu. Es ist nicht so, dass Kinder das Sprechen primär von anderen Kindern lernen - deshalb heißt es „Muttersprache“! Wer motorisch schwach ist und sich aussuchen kann, ob er etwas malt, wird nichts malen, sondern lieber toben. Wer nie ein Lied auswendig lernen muss, schult sein Gedächtnis kaum - und so weiter.
Andere Länder haben das erkannt: 18 der 20 führenden Länder in PISA haben ein vorschulisches Bildungssystem mit klaren und verbindlichen Lernzielen. Dort gilt: Gearbeitet wird in der Betreuungseinrichtung (sei es Kindergarten oder Schule), gespielt wird Zuhause. So stellt man sicher, dass alle Kinder unabhängig vom Bildungsgrad ihrer Eltern ein Mindestmaß an Disziplin, Arbeitsfreude und Bildungsinhalten erwerben. In Deutschland hingegen steht das System Kopf: Im Kindergarten wird nach dem Lustprinzip gespielt, die böse Schule kommt schließlich noch früh genug. Wenn Eltern unbedingt wollen, dass ihr Kind etwas lernt, müssen sie das am späten Nachmittag selbst in die Hand nehmen. Das - und nicht eine rätselhafte „gesellschaftliche Benachteiligung“ - ist die Ursache für die extrem starke Abhängigkeit der Bildung vom Elternhaus in Deutschland. Und weil Lehrkräfte Heterogenität fast nur verringern können, indem sie die Schwächsten besser machen, werden die Stärkeren gar nicht erst gefördert - dann bliebe die Schere ja genauso weit geöffnet wie zuvor, nur auf insgesamt höherem Niveau. Wer also möchte, dass sein Kind nicht von den Schwächsten ausgebremst wird, muss seine Bildung selbst in die Hand nehmen.
3. Mehr Leistungswille - Wie denn, wenn Noten böse sind und Eliteförderung ein Schimpfwort?
Karin Prien brachte letzte Woche Eltern gegen sich auf, als sie sagte: „Was mich schon überrascht hat ist diese doch sehr niedrige Bildungsaspiration in Deutschland, also dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden wie in anderen OECD-Staaten … Wir brauchen eine Stärkung des Leistungsprinzips und auch der Bereitschaft, Leistung zu erbringen, und das muss natürlich auch aus dem Elternhaus kommen.“ (ebd.) Ich weiß nicht, auf welche Schule die Kinder von Frau Prien gehen, aber ich wüsste gerne, ob auch sie schon Lehrer anbetteln musste, damit sie mit den Kindern etwas bis zur Routine üben? Ob auch sie schon die Antwort bekommen hat, Hausaufgaben würden nicht mehr erteilt, weil die anderen Eltern sich dann beschwerten? Wenn Eltern genau den Leistungswillen zeigen, den Frau Prien einfordert, dann werden sie von anderen Eltern misstrauisch beäugt und von den Lehrern ausgebremst. Deutsche Lehrer sind größtenteils nicht einmal in der Lage, das Lesetempo eines Kindes zu messen und den Eltern rückzumelden, ob es schnell genug liest, um über den Text nachzudenken. Sie fordert ja völlig zu Recht, „dass Kinder am Ende von Klasse Vier tatsächlich lesen, schreiben und rechnen können“ müssen. Aber woher soll das kommen, wenn eine breite Masse an Grundschullehrkräften es als negativen Druck ablehnt, das Lesetempo, das Kopfrechnen oder das Schreiben im Diktat gezielt zu trainieren? Meine Vorschulkinder lieben ihren „Lesesport“, bei dem sie sich anhand weniger Buchstaben daran gewöhnen, die wenigen erarbeiteten Wörter wie „MAMA LAMA“ oder „OLM OMA“ flüssig und schnell zu lesen, während ich die Zeit stoppe - aber Frau Prien ahnt nicht im Entferntesten, wie viel Hass manche Erzieher diesem Vorgehen entgegenbringen. Ermutigung zu Leistung gibt es in Deutschland nicht mehr.
4. Verantwortung der Schulen für Lesen, Schreiben, Rechnen - Wie denn, wenn jeder für krank erklärt wird, bei dem die Lehrkraft versagt?
Ein Grund für die immer geringere Leistungsbereitschaft ist, dass Fehlleistungen keine unangenehmen Konsequenzen mehr haben - weder für Lehrer noch Schüler. Die fortschreitende Medikalisierung der Pädagogik hat dazu geführt, dass es für jeden stockenden Lernprozess eine Diagnose gibt, die Lehrer, Eltern und Kind von der Verantwortung entbindet. Wer andere unterbricht, sich schlecht konzentriert und seine Stifte verschlampt, hat AD(H)S. Wer nicht lesen oder schreiben lernt, ist Legastheniker - eine Laune der Natur, nicht die Verantwortung der Lehrkraft. Wie ironisch, dass die „Therapie“ dieser Störung in qualifiziertem Unterricht besteht, der für viel Geld bei Lerntherapeuten erfolgt, die nichts anderes tun, als die methodischen Irrwege des Unterrichts auszumerzen und für ausreichende Übung zu sorgen. Apropos: Frau Prien fordert ausdrücklich, die Kernkompetenzen müsse man stärken „in der Grundschule ganz konsequent durch mehr Unterricht in diesen Fächern, durch 'ne gelingende methodisch-didaktische Herangehensweise, und wenn’s nicht funktioniert in einer Lerngruppe, dann muss ich eben was anderes machen … Ich muss als Schule Verantwortung übernehmen dafür, dass Kinder am Ende von Klasse Vier tatsächlich lesen, schreiben und rechnen können“. Schön wär’s! Aber weder ist der Unterricht in Deutsch und Mathematik momentan didaktisch-methodisch auf der Höhe (Deutschland hat 15 Lehrstühle für Rechtschreib-Didaktik, aber 174 für Genderwissenschaften), noch haben die Schulen irgendeine Veranlassung, sich für ihre Schüler verantwortlich zu fühlen, solange ihnen jederzeit der Verweis an den Psychiater offensteht. Und wenn Schulen doch einmal Verantwortung übernehmen und schwache Leser und Schreiber in der Schule fördern statt beim Therapeuten (so wie es z.B. bei PISA-Erfolgsland UK üblich ist), dann sagt das Kultusministerium: Zusätzliche Fördergruppen wollen wir nicht - das ist nicht inklusiv.
Frau Prien, Ihre Vorgänger haben die Schule kaputtgespielt. Werden Sie es richten?